Folge 24 · Herkunft & Prägung · Vorschau
„Das war es jetzt, Franz“ – an der Kaffeemaschine
Es ist ein ganz gewöhnlicher Vormittag, als Franz Scheck allein in seiner Firma an der Kaffeemaschine steht. Was dann passiert, kann er bis heute nicht erklären.
Diese Folge ist noch nicht erschienen. Ab dem 15. September 2026 gibt es sie hier zum Hören, mit Video und Transkript.
Worum es geht
Es ist ein ganz gewöhnlicher Vormittag, als Franz Scheck allein in seiner Firma an der Kaffeemaschine steht. Was dann passiert, kann er bis heute nicht erklären. „Von null auf hundert“ sei es gewesen, sagt er, er habe „von jetzt auf einmal einfach unglaublich geweint“, und dazu eine innere Stimme: das war es jetzt, Franz, und es wird eine große Veränderung geben. Im selben Moment ist da Panik — zwei kleine Kinder, ein Haus, Schulden — und daneben eine Klarheit, die er von sich nicht kannte. Drei Tage vorher hatte er eine Frau getroffen, um über den Anbau von Gemüse zu sprechen.
Um zu verstehen, warum dieser Moment möglich war, muss man zwanzig Jahre zurückgehen. Franz hat Eishockey gespielt, war Kapitän und wurde von Gegnern nicht gemocht. „Sobald ich die Schlittschuhe anhatte, war ich ein anderer Mensch“, sagt er, und dass vieles davon stimmte: „Es war in dem Moment einfach eine reine Maske.“ Was daneben lief, wusste niemand. Bei wichtigen Spielen konnte er vorher nicht schlafen, und vor jedem Spiel saß er mit rebellierendem Magen auf der Toilette. In der Kabine war das kein Thema. „Es ist halt eine Männerkabine, und da wird nicht über Gefühle gesprochen.“
Dasselbe Muster zieht sich durch sein Leben. Er lernt Radio- und Fernsehtechniker, weil sein Vater einen Laden hat und er sich, wie er heute sagt, „fast verpflichtet“ fühlte — ohne dass der Vater das je verlangt hätte. Er verbringt vier Wochen damit herauszufinden, welcher Grill der beste ist, und beschreibt diese Wochen als „kindliche Freude“ — die in der Sekunde endet, in der er bestellt. Und an Sonntagen, wenn die Familie etwas unternehmen will, legt sich ein Schalter um. Er will nicht unter Menschen, findet jedes Mal ein gutes Argument dagegen und kann sich selbst nicht erklären, warum. „Es war einfach eine brutale Traurigkeit und ein Gefühl, was ich damals null greifen konnte.“
Was das aufbricht, ist ein Retreat im Schwarzwald ohne Programm, zu dem er über ein Buch und eine Kundin kommt, die ihm beim Kaffee zufällig genau dieses Buch hinstellt. Am ersten Abend liegt er zwei Stunden auf einer Matte. „Alles, was ich die Jahre davor nicht geweint habe, habe ich wahrscheinlich in diesen zwei Stunden rausgelassen.“ Er macht die Ausbildung, wird Atemcoach — und leitet in dieser Folge selbst eine kurze Übung an, die man beim Hören mitmachen kann.
Der Preis kommt später und wird in dieser Folge benannt. Franz zieht aus, obwohl es sein eigenes Elternhaus ist, landet nach Ferienwohnungs-Hopping in einem Einzimmer-Apartment bei einer älteren Dame und zahlt weiter für das Haus, in dem seine Kinder bleiben. Über ihn werden Geschichten erzählt. Der häufigste Vorwurf: „Was machst du deinen Kindern da an — und du machst es dir einfach zu leicht.“ Dazu sagt er einen Satz, der hängen bleibt: „Die meisten hatten ja auch nicht den Schneid, mir das ins Gesicht zu sagen.“
Der schwerste Teil ist der Vater. Franz fährt zu ihm als Erstem, in der Hoffnung, verstanden zu werden — sein Vater hat eine ähnliche Geschichte hinter sich. Was er bekommt, ist Unverständnis, der Vorwurf, er wisse nicht, was er seinen Kindern antue, und das Wort Sekte. Danach sitzt er ein paar Minuten im Auto, bevor er losfährt. „Da kamen auch Tränen, weil ich mich in dem Moment einfach sehr allein gefühlt habe.“ Eine Woche später schickt der Vater eine Nachricht und entschuldigt sich. Direkt gesprochen haben die beiden über diesen Tag bis heute nicht.
Interessant ist dieses Gespräch, weil das, was Franz sich für seine Familie erhofft hat, an einer anderen Stelle eingetreten ist als geplant. Seine Eltern, die über Jahre kaum miteinander sprachen, kommen wieder ins Gespräch — nicht als Paar. Er sieht, wie seine Mutter am Auto seines Vaters steht, ihm über den Arm streicht und sagt: „Das schaffen wir schon.“ Zwischen ihm und seinem Vater ist das Thema damit nicht erledigt. „Ich glaube, mein Vater wird gerne noch offener sein. Tut sich da vielleicht einfach nur ein bisschen schwer gerade.“